Der Ruf
Vor langer Zeit lebte in einer kleinen unbedeutenden Stadt ein kleiner unbedeutender Magier. Er hatte an der kleinen unbedeutenden Magierschule im Ort seine Kunst erlernt; die Eltern hatten mit Mühe das Schulgeld zahlen können. Er hatte dort einen der unteren Grade als Magier erworben. Er wurde gerufen, um Kühe zu besprechen, im Frühjahr für Regen und Sonne auf den Feldern zu sorgen, verlorene Sachen wiederzufinden und einige kleine Zauber mehr. Andere Dinge gelangen ihm weniger gut, beispielsweise der Liebeszauber missriet ihm regelmäßig und wurde nicht mehr von ihm verlangt.
So fristete er mehr schlecht als recht sein Dasein am Rand der Gesellschaft. Freunde hatte er eigentlich keine, Lebensfreude wenig, wenig Ideen für die Zukunft, wenig Energie. Von seinem Talent in der Magie dachte er zunehmend gering. Aber einen inneren Motor gab es doch in seinem Leben: Eine unstillbare Unruhe und Sehnsucht nach dem Absoluten, nach der Großen Magie.
Die Akademie der Großen Magie stand in einer großen teuren Stadt, und angesichts des dortigen Schulgeldes war den Eltern und dem Jungen klar, dass dieser Weg ihm damals und wahrscheinlich für immer versperrt war.
Sein Meister hatte noch eine zweite Möglichkeit erwähnt: Es gab noch einen weiteren Zugang zur Großen Magischen Akademie. Wie alles in der Welt hatte auch diese Akademie eine Entsprechung in der geistigen Welt, und sie konnte auf einem geistigen Weg erreicht und betreten werden. Der Meister warnte ihn und alle Schüler eindringlich davor, diesen Weg in Eigenregie zu suchen: „Wer in der geistigen Welt keinen Lehrer hat, hat den Teufel zum Lehrer.“
Aber die Sehnsucht seiner Seele ließ sich nicht beruhigen, und so kam es, dass er nach einem weiteren seiner Misserfolge – es ging um einen Erbschaftszauber – den Entschluss fasste: Lieber auf dem Weg zur Großen Magie scheitern als sich mit der kleinen Magie zufrieden geben.
Er traf seine Vorbereitungen, setzte sich auf sein Bett und rief dreimal die Beschwörung „Weg!“ Und es wurde dunkel um ihn her und er stand in vollkommener Finsternis und Stille.
1.
Er stand in Finsternis und Stille. Vorsichtig tastete er mit den Füßen einen Schritt nach dem anderen, aber es war ihm schnell klar: Auf diese Weise würde er nie irgendwo ankommen. Er hatte aber auch keine bessere Idee und tastete sich weiter voran. Mit der Dunkelheit kam eine Art Zeitlosigkeit über ihn, er wusste bald nicht mehr, ob er eine Stunde oder zwei Tage hier unterwegs war. Er wollte sich zu seiner Ablenkung alle Zaubersprüche aufsagen, die er kannte, aber zu seinem Schrecken merkte er, dass er sich an keinen einzigen mehr erinnern konnte. Angst durchflutete ihn. Sofort wäre er umgekehrt, aber weder vor noch hinter sich konnte er irgend etwas sehen.
Irgendwann fiel ihm ein, seinen Schutzengel zu rufen. Siehe da, von irgendwoher kam ein wenig Licht und er fühlte sich sicherer. Allmählich begann er, in der dunklen Umgebung Umrisse und Gestalten zu erkennen.
2.
Er begann, Umrisse und Gestalten zu erkennen, die ihm vage bekannt vorkamen. Nach einer Weile begriff er, was er sah: Er sah schmerzliche Szenen seines Lebens. Er sah den Tod seiner Zwillingsschwester mit 10 Jahren, den Tod eines geliebten Onkels. Er sah die Trauer und Scham der Eltern, die ihren Kindern materiell nur wenig bieten konnten. Er sah, wie sich sein Lebensfeld mit jedem weiteren Jahr weiter verengte. Er sah Freunde die Stadt verlassen, während er zurückblieb. Er sah, wie er eine Prüfung nicht bestand und die Bestürzung seiner Eltern darüber. Er sah, wie einige seiner Kunden traurig sein Haus verließen und weinten, weil er ihnen in ihrem Schmerz nicht helfen konnte. All das und mehr sah er und die Trauer darüber drückte ihm das Herz ab.
Eine lange Zeit – Stunden, Tage, Wochen – verharrte er in einer Starre. Er spürte aber, wie die Augen des Engels ihn wahrend all der Zeit unverwandt still ansahen, und von diesem Blick fühlte er sich gehalten. Und allmählich kam der Moment, wo er wieder seinen eigenen Atem spürte und sich auf seinen Weg besann.
3.
Um ihn her war es inzwischen heller geworden, und er konnte besser erkennen, was sich ihm nun darbot. Da waren viele seltsame kleine Wesen, halb Kind, halb etwas zu groß geratene Engerlinge, die hockten am Straßenrand, winselten und flehten ihn in einer unbekannten, aber eindeutigen Sprache um Hilfe an. Immer wenn er sich einem dieser Wesen zuwandte, beruhigte es sich und fixierte ihn mit den Augen derart, dass er seinen Blick kaum lösen konnte. Löste er sich aber, begannen sie sofort wieder zu winseln, aber mit einem kreischenden und anklagenden Unterton, der ihm Angst und Schuldgefühle einflößte. Er hatte nichts bei sich, was wollten sie von ihm? Wie konnte er ihnen helfen? Er merkte, wie er in einem Dilemma gefangen war und sich zunehmend gelähmt fühlte. Gern hätte er sich irgendwo hingesetzt, aber inzwischen ekelte er sich auch vor diesem Gewürm und wollte ihnen nicht zu nahe kommen. Sie begannen, sich mit schleimigen Tentakeln an seine Beine zu hängen, er spürte, dass sie an ihm saugten. Da spürte er Angst, aber auch Entschlossenheit, er schrie einen Zauberspruch, mit dem er einen Bannkreis um sich schlug. Die Würmer wurden einige Meter zurückgeschleudert, sie heulten vor Enttäuschung und Wut. Erst jetzt begriff er, in welcher Gefahr er gewesen war: Diese Würmer hätten ihn buchstäblich aufgefressen.
Die Prüfung
In der Ferne sah er ein Schloss auf einem hohen Berg. Er ging lange darauf zu, bis er vor einem Graben stand. Auf der anderen Seite erhob sich die steile Felswand. Er ging erst zur einen, dann zur andern Seite eine große Strecke des Grabens ab, konnte aber nirgends eine Brücke entdecken. Entmutigt setzte er sich unter einen Baum und schlief ein.
Er träumte, jemand frage ihn: Sehnst du dich wirklich nach der Großen Magie? Ja, rief er im Traum ohne Besinnung, und da verwandelte sich seine Sehnsucht in einen Sternennebel, der aus ihm herausfloss, über den Graben hinflog, dort in der Luft stehenblieb und eine glitzernde und flirrende Brücke formte. Er erwachte, die Brücke stand immer noch dort. Er probierte sie – sie trug – er ging den leuchtenden geschwungenen Pfad durch die Luft, stand vor einem prachtvollen offenstehenden Portal und betrat das Schloss.
Da war eine große Empfangshalle aus edlen Materialien. Und da stand ein großer Mann in vornehmer schwarzer und roter Kleidung und begrüßte ihn höflich. Der kleine Magier öffnete den Mund, um sein Anliegen vorzubringen, da winkte der Große schon ab und machte eine einladende Geste in die Empfangshalle hinein, wo sich jetzt eine Vielzahl von Türen öffnete. „Wir kennen all eure Sehnsüchte – schau und wähl. Was du wählst, wird dein Lebensweg sein.“ Der kleine Magier trat näher und schaute in all die Räume, die sich vor ihm geöffnet hatten.
Jeder dieser Räume war dunkel, jeder hatte große Spiegel als Wände, und in jedem dieser Räume und Spiegel sah der kleine Magier eins seiner tiefsten Sehnsuchtsbilder und sich mitten darin: Er als großer Magier im Hermelin, wie er leidenden Menschen beisteht und Tote ins Leben zurückruft. Er in einem orientalischen Harem inmitten einer Schar junger Frauen. Er als Familienvater mit Frau und Kind. Er als Gastgeber vieler Menschen, die ihn verehren, in reicher Kleidung in einem prachtvollen Haus. Er als Bürgermeister des Städtchens oder gar – warum es nicht zugeben? – als gekrönter Herrscher über viele Menschen; er als gewandter Weltreisender auf vielen Kontinenten.
Noch viele weitere Spiegelräume gab es, und jeder Raum schien einen seiner innersten, teilweise noch nie eingestandenen Lebensträume zu kennen.
Ihm schwindelte. Er wandte sich um zu seinem großen Begleiter. „Was kostet das denn?“ fragte er, seine Stimme krächzte. Der Rotschwarze winkte ab. „Ist schon bezahlt. Mit dem Eintritt hier in die Akademie hat du bereits bezahlt. Du hast es in der Aufregung sicherlich nicht gemerkt: Wir haben dir beim Eintritt deine Seele entnommen, ein kleiner schmerzloser Eingriff, nicht wahr?“ Der Mann wies mit einer Handbewegung auf die Wände, die nun vom Fußboden bis unter die Decke mit unzähligen gläsernen Gefäßen bedeckt waren, und in jedem Glas schwebte eine neblig-rauchige Seele und wimmerte leise.
„Gib mir meine Seele zurück“, rief der kleine Magier.
„Gewiss doch, nimm sie dir. Welches war denn noch mal deine? Für mich sehen sie alle gleich erbärmlich aus.“
„Ich will hier raus!“ Der kleine Magier rannte zum Ausgang und stockte, weil die Sternenbrücke nicht mehr da war. „Wo ist die Brücke?“
„Sorry“, sagte der Große, und sein Lächeln war nicht mehr sehr höflich, „ohne Seele keine Sehnsucht, und ohne Sehnsucht keine Brücke. Das finde ich äußerst logisch. Jetzt gib Ruhe und such dir dein gewünschtes Leben aus. Du trittst in das Spiegelbild und bist der, den du dir gewünscht hast. Du wirst sehen, wir lassen uns hier nicht lumpen.“
Der kleine
Magier hielt inne. Er hörte wieder das leise Wimmern der vielen
Seelen in ihren Gefängnissen, und da wuchs eine nie gekannte
Entschlossenheit in ihm. Er lief in den nächsten der offenen
Spiegelräume, tatsächlich war es der Raum des Großen Magiers. Er
ergriff einen Stuhl und schmetterte ihn in den Spiegel, der in
hunderttausend Splittern zu Boden fiel. Wo der Spiegel gewesen war,
gab es keine Wand, es gab nur eine riesenhafte Öffnung nach draußen
in die Dunkelheit. Er lief, er sprang in die Dunkelheit, er fiel, er
schrie…
Die Rückkehr
… und erwachte mit einem Ruck in seiner Stube. Er brauchte längere Zeit, um wieder zu sich zu kommen und die Bilder abzuschütteln. „Das war ein heftiger Traum“, sagte er sich, „Wie gut, hier zu sein.“ Er sah sich in seiner Stube um, es schien ihm als sehe er sie zum ersten Mal wirklich. Das abgenutzte Holz der Tischplatte erschien ihm wie ein wunderschönes Gemälde. Die Tischdecke, die seine Mutter gehäkelt hatte, rührte ihn fast zu Tränen, er sah ihre Liebe darin. Die Proportionen der unterteilten Fensterscheiben erschienen ihm äußerst harmonisch und gelungen, „aber mein Gott, wie schmutzig sie sind. Die werde ich gleich mal putzen.“ Dann dachte er an seinen Vater, der ihm mit seiner Arbeit die Ausbildung zum kleinen Magier ermöglicht hatten. Eine nie gefühlte Welle von Liebe und Dankbarkeit durchströmte ihn.
Etwas später, als wieder ein kleiner Auftrag bei ihm eintraf, reifte noch eine Einsicht oder Vermutung in ihm: „Ich glaube, die Einteilung in Große und Kleine Magie ist illusorisch, vielleicht ist sie sogar eine teuflische Illusion. Es gibt nur die Eine Magie.“ Er stellte sich vor, wie er seinem Meister bei Gelegenheit von dieser Einsicht erzählen würde, und er war sich sicher, dass der zustimmen würde. Aber eigentlich war das gar nicht so wichtig.
(c) Gerhard Hagedorn 2026